Prolog

Andvaranaut

Mythos - nicht Fantasy!

Einst wanderten drei Männer übers Land, um die Welt zu erkunden. Spät abends gelangten sie an einen Fluss und fanden dort einen Wasserfall.
Als die drei näherkamen, sahen sie einen Otter, der einen Lachs gefangen hatte. Da sie hungrig waren, hob einer von Ihnen, Loki, einen Stein auf und traf mit einem geschickten Wurf den Otter tödlich am Kopf. Da freuten sich die anderen zwei und bewunderten die Tat Lokis. Hatte er doch mit einem Steinwurf gleichzeitig einen Otter und einen Lachs erlegt. Schon sammelten sie Holz für ein Feuer, als sie in der Dämmerung in der Nähe den Lichtschein eines Hauses sahen.

Kurz entschlossen begaben sie sich zu dem Haus, um Nachtquartier zu erhalten und die Beute zuzubereiten. Es war der Hof des überaus starken Hreidmar, der ihnen Gastfreundschaft gewährte. Stolz zeigten sie ihm ihre Beute und erklärten, so kämen sie nicht mit leeren Händen in sein Haus. Als Hreidmar aber den Otter sah, rief er seine Söhne Fafnir und Regin herbei und erklärte, dass ihr Bruder Otr erschlagen worden sei und dass er auch wüsste, wer die Mörder seien. Sofort stürzten sie sich auf die ungläubigen Männer und fesselten sie. Hreidmar erklärte ihnen, dass Otr, ein Gestaltwandler gewesen sei. Er habe die magische Fähigkeit besessen, sich in einen Fischotter zu verwandeln, um in dieser Gestalt Fische zu fangen. Ungläubig mit immer bleicher werdenden Gesichtern hörten die drei Freunde ihm zu, als er Todschlagbuße von ihnen forderte. Andernfalls seien sie des Todes.

„Der Otter soll gehäutet und sein Fell vollständig mit Gold befüllt werden. Auch von außen soll er ganz mit Gold bedeckt werden.“
„Diese Geschichte ist doch kompletter Unsinn; von wegen, er sei ein Gestaltwandler gewesen.“, erwiderte Hàrr, der älteste der drei Freunde.
„Unsinn? Habt ihr etwa einen Gegenbeweis?“, erwiderte Hreidmar gedehnt.
Seine Söhne lachten hämisch.
Die Männer schwiegen bestürzt. Hreidmar nickte seinen Söhnen zu, die sich daraufhin den Gefesselten mit schweren Keulen näherten.
„Rasch, sprecht schon, bevor wir den ersten erschlagen.“

Den gefesselten Männern stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Da schlug einer der Brüder dem dritten mit der Keule unvermittelt ins Gesicht. Blut spritzte, als der Getroffene stöhnend zusammenbrach.
„Wartet, wartet“, riefen die beiden anderen hastig,
„wir wollen ja Totschlagbuße leisten, haben aber weder Gold noch anderes Wertvolles bei uns“, erklärten sie verzweifelt.

Da ging Hreidmar wortlos hinaus. Als er wiederkam, hielt er ein Fischernetz in der Hand. Seine Söhne grinsten nur breit.
„Hier habt ihr ein Netz. Vielleicht fangt ihr ja etwas Wertvolles im Wasserfall.“
„Was?“, platzte es Hàrr heraus. Völlig verwirrt blieb sein Mund offen. Schon hob der schwergewichtige Sohn die Keule.
„Schon gut, schon gut. Ich gehe“, beeilte sich Loki zu sagen.
Hàrr stierte ihn nur an:
„Loki!?“
„Bindet mich los.“, erklärte der so Genannte hastig.
Und tatsächlich banden sie ihn los.

So ging Loki wieder zum Wasserfall und fing mit dem Netz prompt einen großen Hecht. So glaubte er jedenfalls. Kaum war der Fisch aber an Land, erkannte er, dass es ein sehr kleiner Mann war.
„Wer bist du?“, fragte Loki den klatschnassen Zwerg.
„Mein Name ist Andvari, Sohn des Oinn, Bruder des Gust.“
„Und was machst du hier in diesem kalten Wasser, Andvari, Sohn des Oinn, Bruder des Gust?“
„Ich tauche nach Go..“, stoppte der Angesprochene prompt seine Rede.

Loki ging dem Zwerg sofort an die Gurgel und forderte von ihm alles Gold, das er besitzen würde, sonst sei sein Leben verwirkt. So gezwungen gab Andvari Loki alles her. Heimlich steckte er sich aber zuvor einen Ring ein. Loki sah es und forderte auch dieses Kleinod. Da flehte der Zwerg ihn an, den Ring nicht zu nehmen.
„Warum?“, fragte Loki,
„Was ist an dem Ring so Besonderes? Gib ihn mir! Nicht einen Cent sollst du zurückbehalten!“
Das erboste Andvari dermaßen, dass er den Schatz mit starken, weithallenden Worten verfluchte:

„Das Gold, das Gust besaß, wird nur Verderben bringen und allen Edlen Streit. Mein Schatz wird niemand nützen. Er soll jedem den Tod bringen, der ihn besitzt.“

Loki erwiderte:
„Dies scheint mir ein guter Wunsch zu sein und ich werde es jenem sagen, der den Hort und den Ring als sein Eigentum nimmt!“

So stapfte Loki frohen Mutes davon und gab den Hort mitsamt dem Ring weiter an den Hàrr, dem Anführer der drei Freunde. Als der aber den Ring sah, erkannte er ihn sofort und steckte ihn sich heimlich ein.
Die Männer gaben nun Hreidmar das Gold. Dieser füllte damit das Otterfell, stellte es auf die Füße und gebot dann, den Otter mit dem Gold ganz und gar zu bedecken. Dies taten sie. Prüfend trat Hreidmar heran. Da sah er noch ein Barthaar und befahl, auch dieses zu bedecken, sonst sei die Buße nicht erbracht. So musste Hàrr widerwillig den Ring hervorholen und mit ihm das Haar bedecken. Dann geschah das Verwunderliche: Hreidmar gab sie tatsächlich frei.

Beim Gehen drehte sich Loki nochmal um und rief Hreidmar zu:
"Nun soll gelten, was Andvari gesprochen hat:

Das Gold ist dir nun gegeben,
und wahrlich große Buße hast du für unsere Häupter.
Aber dir, deinen Söhnen und allen, die den Ring besitzen,
wird er kein Glück schaffen,
sondern bringen wird er allen den Tod."

 

 

Aus der Lieder-Edda und der Snorra-Edda

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