Das Nichtsein

von Andreas Otto Levermann

Das Nichtsein

„Was ist der Tod? Wenn man ihn für sich allein betrachtet und in Gedanken das davon absondert, was in der Einbildung damit verbunden ist, so wird man darin nichts anderes erblicken als eine Wirkung der Natur. Wer sich aber vor einer Naturwirkung fürchtet, ist ein Kind. Noch mehr, der Tod ist nicht bloß eine Wirkung der Natur, sondern eine für die Natur heilsame Wirkung.“[1] Bis heute hatte ich das nicht verstanden, was dieser alte Mann damit eigentlich sagen wollte. Jetzt erst glaubte ich, einen Sinn hinter diesen Worten zu verstehen. Eines Mannes Samen kam in das Innere einer Frau. Dort bildete sich dann aus einem winzigen Ovum[2], so vermuteten die Ärzte, ein winziger Mensch, der dort im Mutterleib heranwächst. Die Mutter ernährt ihn über die Nabelschnur. Also, indem sie selbst essen muss. So entstehen wir. Die Geburt ist nur der äußerliche Abschluss. Dann leben wir. Dann sterben wir. Ich hatte schon viele Leichen gesehen. Sie vermodern. So einfach ist das. Sie vermodern und werden wieder zu Humus[3]. Und in und von dem Humus wachsen Pflanzen. Die werden von den Tieren, zum Beispiel Rindern, gefressen. Und die schlachten wir; und essen sie dann. Und werden erwachsen. Und lieben eine Frau. Der Kreislauf schließt sich. So einfach war das. Oder?

 

Mir fiel eine Stelle wieder ein, die uns Gripir damals im Kohlenwald erzählt hatte: „Wenn ich, o König, dieses Leben der Menschen hier auf Erden vergleiche mit der langen Zeit, über die wir nichts wissen, dann scheint es mir so: Du sitzst zur Winterzeit beim Festmahl mit deinem Gefolge und deinen Dienern. Mitten in der warmen Halle brennt das Feuer, draußen aber toben die winterlichen Schnee- und Regenstürme durchs Land. Da fliegt ein Sperling herein und huscht schnell durch die Halle; kaum ist er zur einen Tür drinnen, ist er zur anderen schon wieder hinaus. In der Zeit, wo er in der Halle ist, treffen ihn die Winterstürme nicht, dann aber entschwindet er, aus dem Winter kommend und in den Winter zurückkehrend, deinen Augen. So wird einigermaßen deutlich, was dieses Leben ist: Was ihm folgt und was ihm vorausgegangen ist, davon wissen wir nichts.“[4] Diese unbestimmte Dauer vor der Geburt und die ebenso unbestimmte Dauer nach dem Tod. Waren sie doch um ein tausendfaches, unvorstellbares Zeitalter länger. Doch, so hatte es Gripir gesagt, von den Zeiten vor unserem menschlichen Dasein wissen wir nur aus den Mythen unserer Götter und Ahnen. Und von der Zeit nach unserem menschlichen Dasein wissen wir nur völlig Unbestimmtes, Nebelöses.

 

Aber konnten wir überhaupt etwas von der Zeit vor unserer menschlichen Zeugung und der Zeit nach unserem Tod wissen? Wenn ja, wären wir doch auch quasi ewig existierend, also Götter, oder? An die tausend Fragen, die ich zur „Anima[5]“ hatte, wollte ich jetzt erst ganicht denken. War unser Dasein auf ein Dasein als „Mensch“ begrenzt? Was waren wir vorher? Humus. Und danach? Humus. Ich hatte von Gelehrten gehört, den sogenannten Atomisten, besonders von einem Schreiber namens Titus Lucretius Carus[6], die sagten Folgendes: Alles, wirklich alles, bestehe aus den gleichen winzig kleinen; unendlich kleinen Teilchen. Wir, die Menschen, jeder Wassertropfen, jeder Fels, ja, die ganze Welt. Dieser Gendanke, zuende gedacht, faszinierte mich. Denn damit wären wir tatsächlich „unsterblich“.

 

Erst jetzt kam ich so langsam dahinter. Vielleicht kam es garnicht darauf an, wie lange man lebte. Das menschliche Leben war, gemessen an den Äonen der Zeitalter; ja sogar gemessen nur am Alter einer einfachen Eiche, ein Nichts. Egal, ob man wie Siegfried nur dreiundzwanzig Winter alt wurde, oder ob einer 75 Winter alt wurde und nach Siechtum an den Gebrechlichkeiten des Alters stirbt. Gaius Levi hatte es mir damals in der Kaserne mit den Worten des alten römischen Kasiers, der selbst schon bald 250 Jahre tot war, erklärt, den er wörtlich zitieren konnte: „Und wenn du dreitausend Jahre lebtest, selbst dreißigtausend, so erinnere dich dennoch, daß keiner ein anderes Leben verliert als das, was er wirklich lebt, und kein anderes lebt, als das, was er verliert. Das längste Leben kommt also mit dem kürzesten auf eins hinaus. Der gegenwärtige Zeitpunkt ist für alle von gleicher Dauer, welche Ungleichheit es auch in der Dauer des Vergangenen geben mag, und den man verliert, erscheint nur wie ein Augenblick; niemand kann weder die Vergangenheit noch die Zukunft verlieren, denn wie sollte man ihm das rauben können, was er nicht besitzt? Man muß sich also diese beiden Wahrheiten merken, die eine, daß alles sich im ewigen, unveränderlichen Kreislauf befindet und daß es von keiner Wichtigkeit ist, dieselben Dinge hundert oder zweihundert Jahre oder eine grenzenlose Zeit zu beobachten; die andere, daß der im höchsten Lebensalter und der sehr jung Sterbende beide das Gleiche verlieren. Sie verlieren nur den gegenwärtigen Zeitpunkt, weil sie nur diesen allein besitzen und weil man das, was man nicht besitzt, nicht verlieren kann.[7] Gaius hatte es mir so erklärt: „Was Kaiser Marcus Aurelius damit sagen will, so wie alle Stoiker[8], ist, das es nicht darauf ankommt, wie lange du lebst, sondern, was du aus deinem Leben machst; wie du lebst. Und das es sinnlos ist, nach einem langen Leben zu streben, sondern nur danach, nach einem erfüllten Leben zu streben. Aber war Siegfrieds Leben erfüllt gewesen? Ich glaube nicht, da war ich mir sicher. Er hätte noch so viele großartige Taten vollbringen können. Er war der treueste, gerechteste und liebeswürdigste Mensch, den ich je getroffen hatte. Selbst meine Brüder, auf die ich große Stücke hielt, kamen an ihn nicht heran. Mir schwirrten die Gedanken kreuz und quer. Was war mit Kriemhild? Sie hatte doch mit Siegfrieds Tod eigentlich alles verloren, oder? Es musste schrecklich für sie sein. Es ist das eine, solche Sachen wie Gaius Levi oder diese alte Kaiser philosophisch zu betrachten oder aber direkt Betroffener zu sein. Wer konnte, wer würde es auch nur wagen, Kriemhild mit solchen Worten versuchen zu trösten? Und sie kannte die Mörder! Es war ja nicht einfach ein schrecklicher Unfall gewesen. Nein, feiger hinterhältiger Mord, begangen von ihren eigenen Brüdern Gunther, Gernot und Giselher sowie dem schlimmsten von allen, ihrem Onkel Hagen von Tronje. Ich selbst hatte ja schon des Öfteren mit ihm zutun gehabt. Sein einäugiger Blick war gekennzeichnet von kalter Gnadenlosigkeit. Ohne Gefühle. Ich konnte mir gut vorstellen, dass er wahrscheinlich der Rädelsführer bei dieser Tat gewesen ist. Nun, Siegfried war nun in Walhall oder nur Humus. Ich wusste es nicht. Es verwirrte mich.

 

Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen. Gripir war da schon handfester mit seinen Worten gewesen als Gaius. Scherzhaft hatte er immer gemeint: „Stellt euch doch mal bloß so richtig vor, sich jeden Tag in Walhall den Wanst mit köstlichsten Speisen vollzuschlagen. Nach spätestens einem Jahr sind wir so dick wie die Alte von unserem Hofbäcker in Chilperichs Haus.“ Wir hatten immer über diesen Witz gelacht. Aber erst jetzt erahnte ich die tiefe Skepsis hinter diesen Worten Gripirs. „Also lasst uns das Beste aus dem Hier und Jetzt machen. Das Leiden trifft uns noch oft genug.“, hatte er immer angefügt. „Ja“, sagte ich laut zu mir selbst, „ich will mich bessern.“ Und in Gedanken fügte ich hinzu: ‚Besonders ihr gegenüber!‘ Womit niemand anderes als Alwit gemeint war. Prompt stolperte ich gegen eine Baumwurzel. „Hups,“ kam es mir ohne weiteres aus dem Mund und ich musste ob meinen eigenen Ausruf lachen, während ich fast der Länge nach hingefallen wäre. Als ich mich gefangen hatte und aufblickte, stand er keine zehn Schritt weit von mir entfernt und blickte mich träge kauend an. „Da bist du ja.“, kam es einfach so aus mir heraus, „Komm, mein Großer, wir haben viel zu tun.“ Ohne sich auch nur einmal zu bewegen, ließ er mich an sich heran. Lächelnd klopfte ich ihm mit der flachen Hand auf seinen massigen Nacken. Dann trottete er, ohne das ich ihn am Halsstrick führen musste, neben mir zurück zu unserem Haus.

 

[1] Marcus Aurelius Antonius: Selbstbetrachtungen, übersetzt von Albert Wittstock, Philipp Reclam jun. Ditzingen 1949, Zweites Buch Nr. 12

[2] Ovum lat. = Ei

[3] Humus lat. = Erde

[4] Beda, Historia ecclesiastica gentis Anglorum II, C.13

[5] Anima lat. = Seele

[6] Titus Lucretius Carus *99-94 v.Chr. +55 -53 v.Chr. De Rerum Natura (Über die Natur der Dinge)

[7] Marcus Aurelius Antonius – Selbstbetrachtungen – Zweites Buch Nr. 14

[8] Stoiker XXXXXXXXXX

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