Das Buch

Geboren wurde ich im Jahre als Flavius Arcadius und Flavius Honorius Konsulen waren ab urbe condita MCXLVII (1147) Gestorben und von meiner Fylgja Alwit zur Hel geleitet nach der großen Schlacht auf den Campi Catalauni.

8 Geboren am 26.02.394, gestorben am 08.01.452 (Im Alten Futhark geschrieben)
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Es entstand der Urriese Ymir[1], der „Lärmer“. Es entstand der Wane Njördr[2], der „Zweitälteste“. Es entstanden die Asen Odin, Vé und Vili. Alle gesäugt von „Audhumbla[3]“ Sie töteten Ymir und bauten aus ihm die Welt: Aus seinem Fleisch wurde die Erde, aus seinem Blut das Meer, aus seinen Knochen Felsen und Gebirge, aus seinem Haar die Bäume, aus seinen Augenbrauen Midgard, aus seinem Schädel der Himmel und aus seinem Gehirn die Wolken[4].

Das älteste Geschlecht ist das der Riesen, zu denen praktisch alle naturgewaltigen Wesen gehören. Die Riesen hatten die Macht, die Welt zu vernichten. Damit dies nicht passierte, wurden die Wanen geschaffen. Sie waren weise, mutig und gerecht. Sie hielten alles im Gleichgewicht. Die Wanen lebten ewig, sofern sie nicht durch Gewalt umkamen. Doch sie waren keine Kämpfer und daher unfähig, sich der Riesen zu erwehren. Also wurden die Asen geschaffen. Ein kräftiges, aber auch übermütiges Kriegergeschlecht, dem aus wohl überlegten Grund nur begrenzte Macht gegeben wurde. Trotzdem griffen sie nach der Herrschaft und entfachten den Krieg mit den Wanen. Aber als die Asen merkten, dass sie nur durch die Wanen ihr Leben verlängern konnten, schlossen sie mit ihnen einen Bund; für die restliche Ewigkeit, wie sie dachten. Doch sie wussten es besser: Am Ende erfüllt sich das Schicksal aller Götter und auch der Menschen im Ragnarök[5].

[1] Vfm 31
[2] Grm 43
[3] Gylfaginning 5 f. „Die Milchreiche“ Urkuh
[4] Gylfaginning 8
[5] Vsp 44-66

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Kapitel I Der Kohlenwald

Es war ein unbeschreibliches Gedränge. Von überall strömten Menschen auf diese einzige Brücke zu. Schon den ganzen Tag ging das so[1]. Seit dem frühen Morgen waren immer wieder kleine und große Gruppen an uns vorbei geilt und im Nu wieder verschwunden. Den ganzen Tag über waren es immer mehr geworden, je näher wir kamen. Ich hatte noch nie so viele Menschen auf einen Haufen gesehen. Bisher dachte ich immer, mehr Menschen, als bei der Hochzeit meines in Seeland berühmten Onkels könne es garnicht geben. Aber ich war noch jung. Was wusste ich schon. Vater meinte, gut, dass der Boden gefroren sei. Alles wäre sonst sicherlich im Matsch dieser vielen tausend Tritte versunken. Aber noch konnten wir die Brücke gar nicht sehen, obwohl sie eine knappe halbe Meile[2] lang sein sollte. 21 mächtige Pfeiler aus festem Stein. Jeder Pfeiler so groß wie ein Haus. Alle flussaufwärts mit einem riesigen spitzen über eine Pertica[3] langen Keil gegen die Flussströmung gerichtet. Darüber eine vier Pertica[4] breite Straße aus Holzplanken. 

Und all‘ die vielen Männer, Frauen und Kinder drängten darauf zu. Vater sagte, es müssen Tausende sein. Die klirrende Frostnacht war voll von verwirrenden Stimmen, Knarren und Getrampel. Es klang irgendwie so wie das tief grollende Dröhnen an den Steilklippen Seelands, wenn in den Winternächten die See dagegen anbrandete. Es roch nach Menschen und Tieren; nach Urin und Schweiß. Grimmig ertrugen alle die Kälte und ihre Furcht. Vater erklärte mir die vielen unterschiedlichen Stämme: Chatturier, Brukterer, Amsivarier und Salier. Aber besonders viele Vandalen, die man noch in die Unterstämme der Hasdingen und Silingen unterteilt. Dann viele Sueben, Quaden und selbst iranische Alanen. Und Franken, Burgunder und Alemannen. Den Göttern sei Dank waren es so viele Stämme, sagte Vater, denn so würden wir zwei Sachsen in diesem Wust von unterschiedlichsten Menschen gar nicht auffallen.

Immer wieder mussten wir Platz machen für kleinere und größere Reitergruppen, die rücksichtslos mit einem herrischen „Platz da“ an uns vorbeipreschten. Wieder kam eine Gruppe von knapp zwei Dutzend Reitern heran. Prächtig gekleidet saßen sie auf kostbar geschmückten Pferden. Ein noch junger Herr ritt an ihrer Spitze. Er fiel mir sofort auf. Unter seinem römischen, roten Offiziersmantel trug er einen prächtigen Brustpanzer mit vielen Verzierungen. An der Seite hängte am Gürtel eine große Wurfaxt, eine Franziska. Dadurch und durch die Tatsache, dass er sein langes, gelocktes, blondes Haar offen trug, machte er allen klar, dass er ein Heermeister im Frankenverbund[5] sein musste. Seine Begleiter waren fast ebenso 

[1] 31.12.406 = Wieland ist 12 Jahre alt
[2] 1 römische Meile = 1.482m; hier ca. 600m
[3] 1 Pertica = 2,96m
[4] 4 Pertica = ca. 12m
[5] Mero, geb. 369, gest. 428, der Ahnherr der Merowinger, die aber erst im 7. Jahrhundert n. Chr. durch die Fredegar-Chronik so genannt wurden.

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ehrfurchtgebietend wie er. Trotz des entsetzlichen Gedränges schafften sie es, zügig voranzukommen. Die Menge machte ihnen, obschon müde, ausgehungert und frierend, bereitwillig Platz. Wie konnte ich ahnen, dass er mir und ich ihm noch so viel Leid zufügen würde. Schnell waren sie auf dem Weg zur Brücke wieder in der Masse verschwunden. Und schon kamen wieder Reiter. Diesmal waren es weit mehr, wohl fast um die hundert Reiter, die donnernd heranpreschten. Ein tiefes Grollen, dann ein schnell ansteigendes Knallen und Trommeln von Pferdehufen. Ich bekam es mit der Angst zu tun und klammerte mich an meinen Vater. Der nahm mich sofort ab vom Weg. Schon war die Reiterschar heran und stieß die Leute mit fürchterlichem Geschrei auseinander. Diese Männer waren nicht königlich gekleidet; sie waren verdreckt, einige sogar verletzt. Die Pferde schwitzten entsetzlich. Aber auch sie waren so schnell wie sie kamen, wieder vorüber. Aus der Ferne sah ich, wie sogar ein paar Menschen in den eisigen Fluss fielen, als die Reiter, die nicht schnell genug über die Brücke kamen, sie einfach zur Seite drängten.

Am Aufgang zur Brücke selbst war das Gedränge schier unerträglich. Mein Vater, ein wirklich stämmiger, großgewachsener Mann, musste sich kräftig mit den Armen durchzwängen. Und doch schienen wir wie von unsichtbarer Hand als ganzer Menschenhaufen mal hierhin, mal dorthin geschoben zu werden. Mal ging es ruckartig vorwärts, dann gar nicht. Menschen schrien irgendwo. Flüche waren überall zu hören. Wenn jetzt bloß nicht wieder eine Reitertruppe kommt, dachte ich ängstlich. Doch nachdem wir erst einmal auf der Brücke waren, ging es ein wenig besser. Am anderen Flussufer war das große Stadttor zu sehen. Es hob sich schwarz gegen den blutroten Himmel ab. Mogontiacum[1] brannte. Als wir uns dem Tor näherten, wurde es noch lauter. Schreie waren zu hören. Und immer mehr heulende, wimmernde Menschen begegneten uns. In der Stadt verwandelte sich alles immer mehr in ein Chaos. Mein Vater brüllte mich ständig an, dicht bei ihm zu bleiben, seine Hand bloß nicht loszulassen. Tote lagen in Hauseingängen. Manche lagen nur da und stöhnten. Einen sah ich, der schaute ständig auf seinen abgehackten Armstumpf, aus dem das schwarze Blut im Sekundentakt wie aus einer winzigen Pumpe herauskam. Taumelnd eilten wir durch diese riesigen Häuserschluchten. Alle aus Stein! Sogar die Straßen waren aus Stein. Schließlich wurde es ruhiger, geordneter. Ein Pulk Bewaffneter begegnete uns, als wir durch das Tor die Stadt verlassen wollten. Blutverschmiert, johlend. Einer sagte: „Denen haben wir´s gegeben, diesen erbärmlich jammernden Römerchristen“. Ganz wirr wurde mir im Kopf. Was meinte er? Dann sahen wir es. Links von uns war eine Art Tempel (später sagte mir mein Vater, es sei eine „Kirche“, was auch immer das ist); und ich konnte kurz einen Blick in das Innere werfen. Im Schein eines Feuers sah man einen waren Haufen von Frauen, Alten und Kindern. Teilweise nackt. Aber sicherlich alle tot. Ein riesiger, in Stücke gehauener Klumpen aus Stoff und Fleisch. Mein Vater zog mich weg. „Weiter, los“, fauchte er mich an.

[1] Mogontiacum lat. = Mainz

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Von Mogontiacum aus ging es sechs Tage über Bingium[1] weiter über diese unglaubliche Römerstraße bis zur Kaiserstadt Augusta Treverorum.[2] Eine Strecke von etwas über 100 römischen Meilen[3] Wir überquerten den nebelverhüllten Fluss der raschen Navam[4] und bewunderten auch die neuen Mauern, die das alte Vinco[5] umgaben. Dort begann unser einsame Weg durch waldige Wildnis, nirgends sahen wir auch nur die Spur von menschlichem Anbau, gingen vorbei am trockenen Dumnissus[6], das ringsum lechzende Felder umgeben, auch an Tabernae, das ständig fließendes Wasser besitzt, und der Flur, die man jüngst sarmatischen Siedlern zumaß. Endlich erblickten wir gleich an der Grenze von Germania Superior und Gallia Belgica Prima Noviomagus[7], wo wir eine Nacht rasteten. Danach ging es den Fluss Mosella[8] stromaufwärts bis Treves, was eigentlich Augusta Treverorum hieß.

War ich schon von Mogontiacum fasziniert gewesen, so fand ich das riesige Augusta Treverorum einfach umwerfend. Schon von weitem kann man das riesige fünfstöckige Stadttor sehen. Über 80.000 Menschen lebten hier noch vor wenigen Jahren! Aber dann war der römische Kaiser nach Süden abgezogen und Vater sagte etwas komisch: „Das „zweite Rom“ verblasse nun stetig.“

Wir verließen die ehemalige Kaiserstadt wieder durch die „Porta Inclyta“ und überquerten die Mosella. Von dort zogen wir nach Norden. Nach ungefähr 18 Meilen kamen wir in einen kleinen Ort namens Beda Vicus.[9] Mein Vater beschloss, dort die Straße zu verlassen und sich alleine nach Aquae Granni[10] durchzuschlagen, da es ihm auf der Straße zu unsicher wurde. Viel zu viele Menschen seien unterwegs, sagte er. Und die meisten würden nichts Gutes im Schilde führen. Es muss wohl ein Anflug von grobem Leichtsinn gewesen sein. Schon beim ersten Nachtlager hatte ich das Gefühl, Vater hätte sich verirrt. Natürlich sagte ich nichts. Er hätte mich ohnehin nur wütend ausgeschimpft. Aber als er im Verlauf des nächsten Tages immer öfter fluchte und tobte, war es offensichtlich. Ohne Orientierung irrten wir umher, bis wir an einen größeren Fluss kamen. Mein Vater meinte, nach der Beschreibung, die man uns in Beda Vicus gegeben hatte, müsste dies der Fluss Mosa sein. Ich zuckte nur mit den Schultern. Was hätte ich Knirps auch schon sagen sollen, ohne dass er mir sofort eine deftige Ohrfeige gegeben hätte. So folgten wir dem Strom flussabwärts bis wir endlich beidseits des Flusses zwei mächtige Kastelle der

[1] Bingium lat. = Bingen am Rhein
[2] Augusta Treverorum lat. = Trier
[3] 1 römische Meile = 1.482 m; hier also 150 km
[4] Navam lat. = Nahe; aus Ausonius Mosella Zeile 1 ff.
[5] Vinco lat. =Bingen am Rhein
[6] Dumnissus lat. = Kirchberg
[7] Noviumagus lat. = Neumagen an der Mosel
[8] Mosella lat. = Mosel
[9] Beda Vicus lat. = Bitburg
[10] Aquae Granni lat. = Aachen

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Römer erblickten. Zwischen den Kastellen ragte eine prächtige steinerne Brücke über den Fluss. Es war Traiectum ad Mosam[1]. Dort fragten wir nach dem Schmied Mimir. Und nur mit viel Glück entkamen wir dem Unheil. Denn da wir beide die Reichssprache Latein nicht sprachen, waren wir einfach in das erstbeste Gasthaus gegangen in der Hoffnung, dass man dort unser Nordgermanisch verstehen würde. So fragten wir den Wirt nach dem berühmten Schmied. er unterbrach uns sofort lautstark mit vielen Worten in Latein und führte er uns in einen Nebenraum. Dort gebot er uns mit leisen Worten auf Nordgermanisch zwischen seinem lautstarken lateinischen Geschimpfe, endlich ruhig zu sein, wenn uns unser Leben lieb sei. Und den Göttern sei Dank, es hatte außer ihm keiner unser Nordgermanisch verstanden, schien es. Aber woher sollten wir wissen, das kurz zuvor der neu Herrscher, ein gewisser Mero, hier ganz in der Nähe bei Aduatuca Tungrorum[2] den König dieses Landes erschlagen und sich selbst zum König gemacht hatte. Dieser neue König, so erzählte uns der Wirt, ließ überall nach dem „berühmten Schmied“ suchen. Und sicherlich hatte er keine guten Absichten, so wurde getuschelt. Schließlich erzählte uns der Wirt, der tatsächlich prächtig Nordgermanisch sprach, dass er gehört habe, der Schmied sei nach Westen geflohen. Mehr wisse er auch nicht. Aber vielleicht könne uns sein Vetter in Geminiacum[3] weiterhelfen. "Das ist ja eine großartige Hilfe", sagte mein Vater, aber der Wirt fing an zu fluchen und redete was von grober Undankbarkeit und gab meinem Vater unmissverständlich zu verstehen, dass wir nur eine Nacht und nur gegen viel Geld bleiben könnten. Erst, als er das Goldstück, einen Solidus[4], in der Hand meines Vaters aufblitzen sah, beruhigte er sich und führte uns in eine großzügige Kammer im ersten Stock. Er stritt sich lange mit dem Wirt, der darauf bestand, dass wir ein Bad nach Römersitte nehmen müssten, ansonsten würde er uns „dreckigen Nordmänner“ in keins seiner guten Betten lassen. Nach langem hin und her brachte er uns schließlich selbst zur Therme und war ständig fluchend an unserer Seite. Mir war das höchst peinlich, aber Vater, der sich weiter Wortgefechte mit dem Wirt lieferte, schien sich sogar dabei zu amüsieren. Der Wirt war ihm sympathisch. War ich die Tage und Wochen vorher immer von Vaters großem Misstrauen gegenüber den fremden Menschen überrascht gewesen, so war es diesmal dieser grenzenlose Leichtsinn, der mich verwirrte. Aber anscheinend hatte mein Vater eine gute Menschenkenntnis.

[1] Triaectum ad Mosam lat. = Maastricht
[2] Aduatuca Tungrorum lat. = Tongeren
[3] Geminiacum lat. = Gembloux
[4] Solidus lat. = Goldmünze 4,55 g = 1/72 des römischen Pfundes. Die Kaufkraft lag um 400 n.Chr. ungefähr beim Monatslohn eines Facharbeiters. Der Solidus wurde um 309 n. Chr. von Kaiser Konstantin dem Großen als neuer „Aureus Solidus“, als „fester, zuverlässiger Aureus“ eingeführt, da der bisherige Aureus (seit Augustus) massiv an Wert verloren hatte. Von Beginn an war seine Funktion als „Leitwährung“ weit über die römischen Grenzen hinaus bekannt und geachtet. Der Solidus war bis ins 9. Jahrhundert hinein die stabilste Währung in Europa.

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Nach Tagesanbruch und einem guten Frühstück waren wir wieder auf der großen Römerstraße. So zogen wir weiter nach Westen. Am späten Nachmittag kamen wir zum Dorf Geminiacum. Dort suchten wir den Vetter des Wirts auf. Der war nicht schwer zu finden. Er war ebenfalls Wirt und es gab im ganzen Ort nur die eine Schenke. Wir mussten dem Wirt nur das Stichwort „Mimir“ sagen und umgehend führte er uns von der Straße ab nach Norden in den Wald. Es war eigentlich kein Pfad zu erkennen und mir kamen wieder Zweifel, ob wir vielleicht abermals in einen Hinterhalt gelockt werden würden. Doch mein Vater war sichtlich unbekümmert. Er schien sich eher mehr und mehr zu freuen. Woher er diese Sicherheit nahm? Ich hatte keine Ahnung. Weit war dieser sonnenreiche, aber kalte Tag schon fortgeschritten. Ich war müde und fror. Dann endlich öffnete sich der dichte Wald zu einer großen Lichtung. Darauf standen einige Gebäude. Sie waren recht unbeholfen aus Holz gebaut. Es schien, als ob sie erst vor kurzem errichtet worden waren. Der Wirt aus Geminiacum grüßte kurz und ging. Wir waren da.

 

Die Ankunft bei Mimir.

Niemand war zu sehen. Zwar stieg Rauch aus dem Kamin auf, aber es war merkwürdig ruhig. Zu ruhig. Lange Zeit blieben wir wie angewurzelt stehen und lauschten. Im dämmrigen Wald rings herum raschelte es. Dann, plötzlich, kamen zwei bewaffnete Männer mit schnellen Schritten auf uns zu. Ich hatte schreckliche Angst. "Erzähl‘ schnell, warum wir euch nicht auf der Stelle zur Hel[1] schicken sollen." "Ich bringe meinen Sohn zum berühmtesten aller Schmiede, Mimir, damit er die Schmiedekunst lernt." antwortete mein Vater. "Und es wäre ein weiter Weg von Seeland im hohen Norden, nur um hier am Ziel unserer Reise noch zwei armselige Bauern niedermachen zu müssen." Sein Schwert flog aus der Scheide und mit einem Satz war er vor mir, um mich zu schützen. Nein, Angst hatte er wirklich nicht, mein Vater. Aber schlechter hätte seine Rede auch nicht sein können, denn sofort wollte der eine mit dem Schwert auf ihn los. "Halt, warte Alberich. Das hört sich so verrückt an, dass es sogar stimmen könnte." Und zu meinem Vater gewandt sagte er: "Entweder bist du ein ziemlicher Einfaltspinsel, dem man vor langer Zeit ein Ammenmärchen aufgetischt hat, oder du bist ein Narr, hier in dieser götterverlassenen schmutzigen Einöde nach einem längst vergessenen und verdammten Schmied zu suchen. Wähle selbst." "Dann sei gegrüßt, Mimir. Euer Ruf ist im Norden stärker denn je." Vater steckte erleichtert das Schwert in die Scheide und griff in den Mantel, zog ein paar Geldstücke heraus. "Die Ausbildung meines Jungen ist sicherlich ein paar Solidi wert, oder?" Wadi blickte zum anderen Mann: "Und auch dich grüße ich als Edelmann. Denn währest du ein Bauer, kaum hättest du so geschickt mit dem Schwerte zu grüßen verstanden. Auch wenn dein Nordgermanisch wie das einen Bauern klingt." Da lachten die beiden Männer. Und mein Vater mit Ihnen. Ich aber machte mir fast in die Hosen. "So genießt für heute Nacht unsere Gastfreundschaft.", sagte der, den mein Vater für Mimir hielt.

[1] Hel lat. = Unterwelt

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Nachdem wir lange gegessen hatten, tauschten sich die Männer viele Geschichten bei reichlich Bier aus. Ja, es schien eher darum zu gehen, wer wie lange aushalten und mehr vertragen könne. Endlich hörte ich mein Vater, scheinbar völlig betrunken, mehr lallen als sagen, dass er nun doch sehr müde sei und wohl schlafen müsse. Er torkelte in den Raum, den man uns überlassen hatte und fiel mit großem Getöse auf sein Lager. Fürchterlich, wie er nach Bier stank! Keine Minute später schnarchte er schon lautstark. Na Klasse, dachte ich, so werde ich bestimmt kein Auge zu tun. Aber dann geschah etwas Unerwartetes. Fast geräuschlos erhob sich Vater, nahm einen größeren Beutel aus seinem Hemd und wiegte ihn in der Hand. "Wohin mit dir?" sprach er leise mit sich selbst. Er schaute sich überall im Raum um. Und nach einer Weile schien er sich zu etwas entschlossen zu haben und ging zu den Beuteln mit den Kräutern Seinen Geldbeutel hing er einfach daneben "Vater?" fragte ich. "Wenn du etwas verstecken willst, verstecke es so, dass es jeder sehen kann." "Was?" "Sei unbesorgt, nachher sehen wir weiter." sagte er so klar, dass man vergessen konnte, dass er doch eben noch so gelallt hatte. "Schlaf´ jetzt." Er legte sich wieder neben mir und nach einer Weile war auch ich eingeschlafen, wohl, weil ich jetzt neben ihm nicht mehr so fror.

 

Eiskalt und zitternd wachte ich auf. Es war noch völlig dunkel. Das Lager neben mir war leer. Ich erhob mich und ging in den großen Hauptraum. Dort am restlichen Feuer war es sicherlich noch ein bisschen wärmer. Wo Vater wohl war? Wahrscheinlich war er zum Fenster hinaus, um Wasser zu lassen, dachte ich mir. Immer das gleiche bei diesen Saufgelagen. Da die Glut im Kamin kaum noch vorhanden war und auch keine Wärme mehr abstrahlte, begann ich, auf und ab zu gehen. Schon wollte ich lauter mit den Füßen auftreten, als ich innehielt. Vor einer der Türen sprachen Männer miteinander. Neugierig schlich ich mich heran. "Was macht das für einen Unterschied?" fragte dieser Alberich. "Das macht einen großen Unterschied. Der Junge kann für uns arbeiten. Er könnte sowieso nirgendwo hin ohne seinen Vater." sagte der, den Vater mit Mimir angesprochen hatte. "Der Junge ist mir egal.“ Diese Stimme war mir neu. Es waren mehr als zwei Männer hier, fuhr es mir durch den Kopf. "Aber der Alte, dem traue ich nicht. Vielleicht ist es auch gar nicht sein Kind. Und bei der nächsten Gelegenheit ist er weg, weil ihm der Junge auch egal sein kann. Er muss weg." So also, schoss es mir durch den Kopf, sie stritten darüber, ob sie uns beide oder nur Vater umbringen wollen. Mir wurde schlecht. Ich musste Vater warnen. Aber wo war er? So leise es mir die zitternden Glieder zuließen, ging ich in unsere Kammer zurück. Und wer lag wieder seelenruhig da und schnarchte laut vor sich hin? Vater! Ich stieß ihn an: "Vater, sie wollen…" mehr konnte ich nicht sagen, denn schon riss er mich zu sich hinunter und presste seine große Hand auf meinen Mund: "Halt den Mund.", zischte er. Sodann spürte ich seine andere Faust in meiner Hosentasche. Er ließ etwas los und zog seine Hand wieder hinaus. Lange hielt er meinen Mund zu. Kaum atmen konnte ich. Er presste meinen Körper an sich und drückte mich auf das Lager. Nach einer Weile wurde ich ruhig. Aber trotz der wohligen Wärme von ihm machte ich kein Auge zu. 'Was passiert hier gerade', dachte ich. "Ich werde Dir Nachricht geben. Schon bald. Vertrau´ mir, Wieland. Aber jetzt sei ruhig, bleib hier liegen und versuche, mein Schnarchen nach zu machen. Es muss echt klingen, hörst du? Du weißt, wo der Beutel ist? "Ja.", brachte ich nur heraus.

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"Gut. Du wirst ihn gebrauchen können. Aber erst, wenn alles vorbei ist, hörst du?" "Was?" "Benutze deinen Verstand, Wieland. Bleib hier liegen, bis sie kommen. Wehre dich nicht. Ich sende dir Nachricht. Leb wohl, mein Sohn." "Aber…", wollte ich stammeln, aber er legte nur seinen Finger auf meinen Lippen und ich spürte, wie ernst es ihm war. Während er durch das Fenster hinauskletterte, vergrub ich mein Gesicht in die Decke und fing leise an zu schnarchen. Tränen rannen mir die Wangen herab. Vater verließ mich.

Als sich die Morgendämmerung ganz langsam ankündigte, merkte ich, da ich wegen meiner Angst und der Kälte sowieso nicht geschlafen hatte, wie die Tür leise geöffnet wurde. Dann ging alles sehr schnell. Ich wurde gepackt und weggerissen, während neben mir ein Schwert in die Decke fuhr. Dann: Fluchen. "Bei Thor und Odin, wo ist er?" schrien sie mich an: "Ich weiß nicht. Ich weiß es nicht." schrie ich zurück. "Wann? Wann ist er weg?" brüllten sie. "Ich weiß nicht. Lange. Schon lange." "Wann genau, verdammter Bengel. Sag schon." Der Mann hielt mich mit beiden Händen in der Luft und stieß mir ganz nah seinen nach Bier stinkenden Atem ins Gesicht. "Hier ist was geschrieben!", sagte da eine mir bisher unbekannte vierte Stimme. Sie klang ungewöhnlich jung. "Zeig her!" herrschte einer der Anderen und ging zu den Blockhölzern neben der Tür. Dort waren mit einem Messer frisch eingeritzte Buchstaben. "Verdammtes Germanisch. Lies es mir vor, Alberich." "WIRT AUS T AD MOSAM SOHN LEHRE LOHN" Die Männer schwiegen. "So ein Idiot", raunte der Junge. "Nein, schlau. Jedenfalls schlauer als wir. Leider." brummte der Mann, den Vater für Mimir gehalten hatte. Er wandte sich wieder zu mir: "Wann genau ist er gegangen, Junge." "Es war kurz nach dem Schlafengehen." log ich. "Soll ich den Jungen jetzt am Hals haben?" rief der kleine Hässliche. "Was soll ich mit ihm? Wir wollen doch wohl hier in diesem blöden Wald nicht ewig verbringen, oder? Und außerdem, wer wird den Jungen durchfüttern? Wir haben eh´ so gut wie kein Geld. Das hat alles mein…" "Halt doch die Schnauze, Regin." fuhr ihn der Mann an, der mich festhielt. "Hier steht doch noch ein Wort am Ende: LOHN. Was glaubst du, Junge, hat dein Vater damit gemeint?" Jetzt verstand ich und sagte deshalb: "Mein Vater ist ein reicher Mann und von Adel. Sein gegebenes Wort hält er. Also, wenn ihr mich ausbildet, wird er Euch reich belohnen." "Ha, aber den Beutel mit Gold hat er wieder mitgenommen, ja? Ein feiner Herr ist das!" blaffte der Hässliche. "Oh, nein." sagte ich. Mehr nicht. Stille. Und dann sagte dieser Alberich: "Es wird sicher nur wenig Folter benötigen, um es aus dir herauszukriegen, Junge. Also sag lieber gleich, wo das Geld ist." "Hier.", antwortete ich, steckte meine Hand in die Tasche und zog grinsend fünf Goldstücke heraus.

Und so gab mich mein Vater Wadi in die Hände von Mimir, dem großen Schmiedemeister, damit ich die Kunst des Schmiedens erlernen würde, da ich schon als kleiner Junge als sehr geschickt galt. Meine älteren Brüder Slagfid[1] und Egill[2] waren schon mit dem Kriegshandwerk beschäftigt und so meinte

[1] Slagfid, geboren 24.01.391
[2] Egill, geboren 02.08.392

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mein Vater, mich in der Schmiedekunst ausbilden zu lassen. Das sei auch von großem Nutzen. Und da er gehört hatte, dass im neuen Hunenland, so nannten wir damals die südlichen Länder, der überaus geschickte Schmiedemeister Mimir leben würde, waren wir nun so viele Wochen nach Süden gezogen[1].

Einsam und ängstlich blieb ich zurück. Ich war gerade erst zwölf Jahre alt! Mimir, mein neuer Schmiedemeister, hieß gar nicht Mimir, sondern Regin[2]. Er war eigentlich ein keltischer Edelmann der Nervier, der östlich von hier bei einem König Chilperich aus irgendeinem Grund im Exil gelebt hatte. Nach dem Tod des Königs waren er und seine Getreuen hier in diesen Wald geflüchtet. Später wurde dieses riesige Waldgebiet, nicht zu Unrecht meine ich, Kohlenwald genannt. Regin war ein Zwerg von Wuchs und ausgesprochen hässlich. Er hatte ein grimmiges schiefes Gesicht; sein Mund war stets verkniffen und an der rechten Seite halb geöffnet. Und er ging immer gebückt, als wenn ihm der Rücken fürchterlich schmerzen würde.

Neben Mimir war da noch Gripir[3], den Vater und ich zu Anfang für Mimir gehalten hatten. Ein verschlossener Mann. Selten sprach er mehr als ein oder zwei Sätze. Er war es fast immer im Wald oder weiter weg unterwegs. Jedenfalls sah ich ihn zu Anfang sehr wenig. Der Dritte im Bunde war der Mann, der uns fast bei der Ankunft erschlagen hätte, Alberich[4]. Dass er der Sohn des getöteten Königs Chilperich war, erfuhr ich zunächst überhaupt nicht. Alberich war ungefähr so alt wie Mimir. Die erstaunlichste Gestalt aber war der Vierte, ein junger Kerl[5], der mir auf Anhieb sympathisch war. Er hatte lange blonde Haare, die in leichten Wellen herabfielen und ein herrlich offenes Gesicht. Eigentlich hieß er Siegfried, aber Mimir nannte ihn immer nur Jung-Sigurd. Bei all seiner ungestümen Art hatte er ein überaus gutes Gemüt. Wenn man in seine tiefhellblauen Augen schaute, so wusste man sofort; dies war ein im Grunde seines Herzens treuer und großzügiger Mensch. Und er war unglaublich stark. Nie sollte ich in meinen ganzen Leben je wieder einen so starken Mann kennen lernen. Und zum Glück für mich war er erst vierzehn Winter alt und nicht so steinalt wie die anderen Drei.

Erst sehr viel später erfuhr ich, dass Siegfried kurz nach meiner Abfahrt auf Geheiß Mimirs dessen Bruder Fafnir getötet und damit der Nibelungenhort gewann. Leider hatte ihm keiner der beiden Brüder erzählt, dass der Schatz untrennbar mit dem Fluch des Ringes Andwaranaut verbunden ist. Und leider hat er es bis zu seinem Ende auch nicht erfahren.

[1] Zogen, nicht ritten, da Wieland erst spät reiten lernt
[2] Regin, geb. 377 = 30jährig
[3] Gripir, geb. 373 = 34jährig
[4] Alberich, geb. 377 = 30jährig
[5] Siegfried, geb. 30.08.392, also erst 14 ½ Jahre alt; wirkt aber aufgrund seiner Größe und Reife älter.

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(weitere 984 Seiten folgen)

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